Zur Geschichte des Gebr. Mann Verlags – Vom Druckereibetrieb zum renommierten Wissenschafts- und Kunstverlag
1917 Der Gebr. Mann Verlag in Berlin publiziert seit 1917 Bücher zu Kunstgeschichte, Architektur, Geschichte und Archäologie – wissenschaftliche Monographien, Reihen und Quellenwerke ebenso wie Bände für ein breites, interessiertes Publikum. Unsere Bücher entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Autorschaft und in oft jahrzehntelangen Partnerschaften mit Kultur- und Forschungseinrichtungen im In- und Ausland. Und weil der Verlag aus dem Druckhandwerk kommt, sollen unsere Bücher gut gemacht sein: sorgfältig gesetzt, hochwertig gedruckt und gebunden für die Dauer.
Kartenausschnitt mit der Taubenstraße 8/9 in Berlin-Mitte
1920 Mit der Übernahme der Druckerei I. Harrwitz Nachf. erfolgt im Februar 1920 eine deutliche Betriebserweiterung. Der Verlag bezieht die größeren Räume der Firma Harrwitz in der „Handelsstätte Bellealliance“ in der Friedrichstraße 16 und bietet damit Platz für die auf über 30 Mitarbeiter angewachsene Belegschaft.
Historical postcards of the “Handelsstätte Bellealliance”.
1925 Zum Jahresende 1925 gibt die Gebr. Mann Druckerei zusammen mit der Lichtdruckerei Ganymed erstmals in eigener Regie ein Buch heraus, das als Jahresgabe für Freunde und Bekannte gedacht ist. Mit der Herausgabe des “Woyzeck” von Georg Büchner begründet sie die Tradition der Jahresgaben, die bis in die 1980er Jahre fortgeführt wird.
Heinrich von Kleist,
Die Marquise von O…, 1928.
1930 Zu Beginn der 1930er Jahre beschäftigt die Druckerei rund 125 Mitarbeiter und deckt mit 17 Buchdruck-Schnellpressen den Bedarf bedeutender Verlage und wissenschaftlicher Institutionen des In- und Auslands. Im selben Jahr werden die Hartmanns selbst verlegerisch tätig, mit Schwerpunkten in Archäologie und Kunstwissenschaft. So erscheinen u. a. die bis heute als grundlegend erachteten Monographien über Aigina, Santorin, Pergamon, Paestum und Korkyra.
Acht Maler stellen aus, 1930.
1933 Der gesellschaftliche Umbruch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hat auf den nun als „Gebr. Mann Verlag“ firmierenden Betrieb zunächst keine spürbaren Konsequenzen. Durch die auf Antike und Kunstwissenschaft gerichteten Programmschwerpunkte bleibt der Verlag vom propagandistisch aufgeladenen deutschtümelnden NS-Kunstbegriff bewahrt. Bezeichnenderweise ist die Jahresgabe 1933 Martin Luthers „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, das in 500 nummerierten Exemplaren erscheint.
Martin Luther, Von der Freiheit
eines Christenmenschen, 1933.
1940 Der Kunsthistoriker Carl Georg Heise, 1933 von den Nazis aus seinem Amt als Direktor des Lübecker St.-Annen-Museums gedrängt und nun für den Gebr, Mann Verlag tätig, erweitert das Programm ab 1940 um die sogenannten Kunstbriefe. Jedes handliche Heft im Kleinoktavformat stellt auf 32 Textseiten und mit bis zu 16 Bildtafeln ein einzelnes Kunstwerk vor. Die Hefte erreichen in den Kriegsjahren eine Millionenauflage; zwischen 1940 und 1949 erscheinen insgesamt 57 nummerierte Kunstbriefe.
Philipp Otto Runge.
Die Tageszeiten, 1944.
1945 Am 3. Februar 1945 wird das Verlagshaus in der Friedrichstraße 16 bei einem Bombenangriff weitgehend zerstört; vier Mitarbeiter kommen ums Leben. Wenige Tage danach bezieht der Verlag mit den Überresten des Betriebs ein Ausweichsquartier in der Hauptstraße 26 in Berlin-Schöneberg. Nach Kriegsende wird die verbliebene Druckerei-Ausstattung durch die Rote Armee demontiert. Vier Monate später erteilt die amerikanische Militärregierung am 17. Oktober Kurt und Otto Hartmann die erste Lizenz für einen Buchverlag im amerikanischen Sektor Berlins.
Anzeige „Lizenz an Berliner Buchvorlag“ im Tagesspiegel
vom 18. Oktober 1945.
1959 In den 1950er Jahren erscheinen herausragende, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut herausgegebene Buchausgaben sowie die ersten Bände des Inventar-Werks der „Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin“ – maßgeblich getragen von Paul Ortwin Rave, der dem Verlag als wissenschaftlicher Berater zur Seite steht.
Rudolf Anthes, The Head
of Queen Nofretete, 1958.
1967 Am 2. Dezember 1967 begeht das Unternehmen „Gebr. Mann Verlag / Brüder Hartmann Druckerei“ mit Festakt und Ausstellung seinen 50. Jahrestag. Unter dem Motto „Kunstwissenschaft und Buchkunst“ gibt die Schau einen Überblick über das Programm und zeigt mehr als 30 seit 1952 zu den „Schönsten Büchern des Jahres“ gekürte Titel. Glanzstück der Verlags- und Druckarbeit ist ein siebenfarbiger Lichtdruck von Dantes „göttlicher Komödie“.
Walter-Herwig Schuchhardt,
Antike Plastik, 1962
1977 Mit „Frankreich und Belgien“ erscheint der zweite Band der Reihe „Das frühe Plakat in Europa und den USA“, der über tausend Plakate katalogisiert – darunter sämtliche Arbeiten Toulouse-Lautrecs sowie Werke von Chéret, Grasset, Bonnard und de Feure. Mit Künstlerbiographien, einführenden Aufsätzen und reichen Farbtafeln wird der Band zum Standardwerk, das weit über die Kunstgeschichte hinaus als bedeutsame Quelle dient.
Das frühe Plakat in
Europa und den USA, 1973.
1987 Am 2. Dezember 1987 begeht der Verlag seinen 70. „Geburtstag“. Nach dem Rückzug von Dr. Heinz Peters, der in der Nachfolge von Kurt Hartmann über 24 Jahre die Verlagsleitung innehatte und 1964 die Gründung des Deutschen Verlags für Kunstwissenschaft initiierte, weist das Verlagsverzeichnis mehr als 800 lieferbare Titel aus. Die Programmbasis bilden weiterhin Monographien und Reihenwerke, die in Zusammenarbeit mit maßgeblichen Institutionen entstehen – zu nennen sind hier vor allem das Deutsche Archäologische Institut, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit den staatlichen Museen, der Landeskonservator von Berlin und die Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz.
1993 Mit der Berufung von Andreas Catsch, vormals Cheflektor des Ullstein Taschenbuch Verlags, beginnt eine von Kreativität und Innovation geprägte Ära mit thematischem Fokus auf Architektur und Städtebau. Bis Ende 2000 entstehen neben den fortgeführten Reihenwerken zahlreiche bedeutende Einzelveröffentlichungen. Sein besonderes Verdienst ist die Neuauflage seltener Architekturbücher der 1920er Jahre als Faksimile, darunter die Bände der „Neuen Werkkunst“ und die Hefte von Bruno Tauts Zeitschrift „Frühlicht“.
Heinrich Straumer, Reihe
„Neue Werkkunst“, 1997.
2006 Unter der Leitung von Dr. Hans Robert Cram wird ab 2006 neben dem Gebr. Mann Verlag auch unter dem Namen Reimer Verlag publiziert. Gemeinsam mit dem Deutschen Verlag für Kunstwissenschaft veröffentlicht jedes der drei Häuser entsprechend seinem eigenen Profil.
Bruno Taut. Kunstgewerbe
und
Möbel für Japan, 2023.